Beilstein in vergangener Zeit

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Kaisereiche

Wir befinden uns auf dem "Liesenicher Kalk", einem Fleckchen etwa 2 Kilometer oberhalb von Beilstein und schreiben den 22. März 1897. Im ganzen deutschen Reich finden "vaterländische" Feste zu Ehren des 1oo. Geburtstages Kaiser Wilhelm I statt. So auch in unserem Städtchen Beilstein. Der selbige war bereits neun Jahre zuvor verschieden und konnte die Veranstaltungen, die in einem sich überschlagenden nationalen und kaisertreuen Taumel von seinem Enkel Wilhelm II reichsweit zelebriert wurden nur aus der Walhalla beobachten. Wilhelm II erklärte im Zuge der Feierlichkeiten seinen Opa wegen seiner Verdienste um die Reichsgründung posthum zu "Kaiser Wilhelm dem Großen". Ein Titel, der sich in der deutschen Geschichte zum Glück nicht wirklich durchsetzte.
Zum Verständnis ein kurzer Ausflug in die deutsche Geschichte: Napoleon I von Frankreich brachte 1806 den letzten deutschen Kaiser Franz II dazu den Kram hinzuschmeißen. Hernach war Deutschland für 65 Jahre ein Haufen kleiner und größerer Herrschaftsgebiete. Die Forderungen der 1848er Revolution nach einem vereinten und demokratischen Deutschland wurden mit der Gründung des 2. Deutschen Reiches 1871 nicht erfüllt. Nachdem einige deutsche Staaten unter Führung Preußens 1870/71 den Krieg gegen Frankreich gewonnen hatten, verabredeten die Sieger eine Reichseinigung unter einem obrigkeitsstaatlichen und antidemokratischen Vorzeichen.. Zur Demütigung des besiegten Frankreichs fand die feierliche Kaiserproklamation, d.h. die Verleihung der Kaiserkrone an den bisherigen preußischen König Wilhelm in Versailles bei Paris statt. Weiterhin nahm man Frankreich große Gebiete ab (Elsaß-Lothringen) und bestand auf eine 5-Milliarden-Kriegsbeute. Mit dieser "Starthilfe" wurde ein Nationalstaat aufgebaut, der von Beginn an auf einen agressiven Militarismus baute und im Inneren beispielsweise mit den Sozialistengesetzen (1878-90) eine harte Knute der Unterdrückung führte. (Zur Illustration dieser Epoche sei an dieser Stelle Heinrich Manns Roman "Der Untertan" empfohlen, der den Irrsinn und die Verrücktheiten jener Zeit ganz hervorragend darstellt.)
Zurück zur Mosel: Am Vorabend des Jahrestages gab es den großen Zapfenstreich und Feuerwerk, am 22.März 1897 selbst einen Festgottesdienst in Beilstein und allen anderen Dörfern, die zur Amtsgemeinde Senheim gehörten. Wie die Kirche neben dem wilhelminischen Obrigkeitsstaat als zweite wichtige Institution für eine aufgeheizte nationalistische und antifranzösische Stimmung sorgte und somit auch die Voraussetzungen für den 1. Weltkrieg mitschuf, verdeutlicht ein
Auszug aus einem Gedicht, welches der Beilsteiner Pfarrer von Freihold im Jahre 1888 verfasste. Wieder zurück zu unserer Geburtstagfeier in den März 1897: Am zweiten Tag der Feierlichkeiten, dem 23. März pilgerten Schulklassen und Vereine nach dem Liesenicher Kalk, wo ein feierlicher kaisertreuer Festakt stattfand. Am darauffolgenden Tage wurde schließlich zu Ehren des Jubilars eine deutsche Eiche in deutsche Erde gelassen - fortan genannt die Kaisereiche. Nocheinmal wurde das Gras rund um die Eiche unnütz platt getreten: Am 16.Juni 1913 wurde das 25 jährige Thronjubiläum Wilhelm II auf ähnliche Weise auf dem Liesenicher Kalk gefeiert. Es soll ein festlicher Tag gewesen sein, gegen 18.00 war man wieder zuhause - die Kinder, um am nächsten Morgen wieder rechtzeitig in der Schule zu sitzen - die Väter, um im darauffolgenden Jahr auf den Schlachtfeldern des 1. Weltkrieges für ihren Kaiser zu verrecken. Die Kaisereiche steht heute noch an ihrem damaligen Platz (an der L 200, Abzweig Beilstein).



Obere Bachstraße

Blick auf die obere Bachstraße: Im Vordergrund eine offene Wegekapelle mit einer barocken Steinmadonna aus dem 17. Jahrhundert, die aus der 1805 profanierten Pfarrkirche am Marktplatz stammt. Im Hintergrund zu sehen: Der Ostflügel des Karmeliterklosters, nördlich gelegen der Mönchschor der Klosterkirche. Dem Chorbereich gegenüberliegend: Der ehemalige Klostergarten, heute leider sehr lieblos zu einem Parkplatz umgestaltet. Die aus dem 17. Jahrhundert stammende Mauer des Klostergartens wurde teilweise vor wenigen Jahren für den Bau des Parkplatzes niedergerissen. (Foto etwa 1890-1900)



Obere Schloßstraße / Rückseite Haus Kein Moselblick

Dieses Foto zeigt den Zustand der Schloßstraße vor etwa 100 Jahren. Das Gäßchen war nicht gepflastet sondern einfach in den Fels gehauen. Lediglich in der Mitte sind 2-3 Reihen Pflastersteine zu sehen. Der Grund hierfür: Einige Jahre zuvor hatte der Geheime Oberbaurat Höffgen die erste unterirdische Wasserleitung Beilsteins verlegen lassen. Aus einer Quelle im östlich gelegenen Weinberg leitete er Wasser unter Schloßstraße und Marktplatz bis zu seinem herrschaftlichen Anwesen. Bis in die 1880er Jahre war die Schloßstraße bei starkem Regen die einzige Möglichkeit trockenen Fußes ins obere Dorf zu gelangen. Die unterhalb gelegene Bachstraße führte Quellwasser, Regenwasser und auch Abwässer offen durchs Dorf und machte ein Begehen oft unmöglich. Erst um 1880 wurde sie kanalisiert und gepflastert. Die Aufnahme zeigt auch die rückwärtige Giebelseite meines Hauses "Haus kein Moselblick". Durch die beiden Holztürchen schaffte man Stroh und Heu auf den Dachboden, das die Kuh im Haus für den Winter benötigte.



Fränkischer Gräberfund 1910
Josef Rengel (1860-1942)
'Im Dörfer' Weinberg östlich der Burg Josef Rengel (1860-1942)
 

Als im Frühjahr 1910 der Beilsteiner Gastwirt und Weinbergsbesitzer Josef Rengel bei Arbeiten in seinem Weinberg "Im Dörfer" - gelegen zwischen jüdischem Friedhof und Burg - in etwa einem Meter Tiefe auf etwas Hartes stieß, war die Sensation da. Hatte man wenige Wochen zuvor schon in der Nähe Reste zweier Steinsärge mit Münzen, Gebeinen und Fragmenten von Waffen gefunden, so barg Josef Rengel mit Hilfe des damaligen Dorfschullehrers Demmer einen kompletten, ungeöffneten Steinsarg aus dem ausgeschachteten Loch. Der Steinsarkophag mit den Außenmaßen 2,30 X 0,79 Meter wurde mit vereinten Kräften auf einen zweirädrigen Mistkarren gehievt und herunter ins Dorf gebracht. Der walzenförmige Sarg war innen sechskantig ausgehauen und enthielt ein recht gut erhaltenes menschliches Skelett, zur Rechten liegend ein "Stilett" als Grabbeigabe. (Was die Finder in diesem Moment wohl nicht wußten: Eine Waffe als Grabbeigabe in einem solchen Steinsarkophag läßt auf einen fränkischen Mann schließen / Frankenzeit etwa 2. Hälfte 5. Jahrhundert bis etwa 8. Jahrhundert n.Chr.). Die mit diesem archäologischen Bodenfund 1910 wohl sichtlich überforderten Beilsteiner zogen höchtswahrscheinlich die gelehrten Patres des naheliegenden Klosters Maria Engelport hinzu. Irgendwie muß es zu einer "ungewöhnlichen" Übereinkunft gekommen sein: Josef Rengel, der nebenbei auch Bienen züchtete, erhielt von den Mönchen zwei Bienenvölker für seinen Fund. Der Sarkophag ging im Gegenzug an das Kloster. Hier steht Beilsteins größter archäologischer Bodenfund noch heute, recht vergessen und ohne jeden Hinweis unter einem Baum versteckt und wartet darauf, daß man ihm mehr Aufmerksamkeit schenkt als in den letzten 95 Jahren. ( Fotos etwa 1910)


Ansicht des Sarkophag im Jahr 2005 hier



Beilsteiner Gesamtansicht aus süd-west

Seltene Aufnahme Beilsteins aus süd-westlicher Richtung mit Blick auf die beste Weinlage den Silberberg. Der Südflügel des Klosters besteht noch als Ruine (heute wieder bebaut). Das Moselufer erscheint uns völlig anders. Erst der Bau der Staustufen in den 1960er Jahren und die Erhöhung des Moselspiegels in Beilstein schufen den heutigen schnurgraden Uferbereich. (Foto etwa 1955)



Schulschließung von 1971

Im Sommer 1971 wurde die letzte eigenständige Schule Beilsteins für immer geschlossen. Es handelte sich um eine sogenannte Zwergschule, in der Kinder vom 1. bis zum 8. Schuljahr in einer gemeinsamen Klasse unterrichtet wurden. Die Geschichte des Beilsteiner Schulwesens reicht zurück bis ins 15. Jahrhundert. Die damalige Herrschaft Beilsteins - die Grafen von Winneburg riefen eine Schule ins Leben, deren berühmtester Schüler ab Ende der 1490er Jahre der spätere Professor Petrus Mosellanus war - ein wichtiger Humanist und Gelehrter jener Zeit. Zu Luther und Melanchthon stand er in einem guten Verhältnis. Als 1636 das Trierer Domkapitel und die neuen Herrn auf der Burg - die Metternichs - dem Ort Beilstein den Karmeliterorden bescherten (was im Geiste der Gegenreformation sicherlich dazu gedacht war, den Beilsteinern auf alle Ewigkeit den reformatorischen / protestantischen "Irrglauben" wieder auszutreiben), da richteten die Patres im Klostergebäude recht schnell auch eine Winterschule ein. Diese befand sich zunächst im alten Klostergebäude an der Mosel (im heutigen Gastraum des Gasthauses Burg Metternich). Ab Anfang 1693 unterrichteten die Patres im neugebauten Kloster auf dem Rammerberg. Die französische Besetzung sorgte 1805 für ein Ende des Klosters und der Klosterschule. Ab 1806 lehrten weltliche Lehrer im Südflügel des ehemaligen Klosters auf dem Rammerberg. Gelehrt wurde antiklerikal und im Sinne der bürgerlichen Aufklärung. Schon in der preußischen Zeit wurde der Südflügel versteigert und die Schule zog 1816 abermals in das Gebäude des alten Klosters am Moselufer um. Dieses war von 1693-1794 Eigentum der Metternichs gewesen. Die französische Revolution war jedoch so unfreundlich nicht nur den Klöstern alles Land und Vorrechte abzunehmen, sondern auch die Fürsten und Landesherren davonzujagen. Somit war auch das alte Klostergebäude öffentliches Eigentum und konnte die Schule aufnehmen. Der preußische Staat versteigerte dieses Gebäude und so mußte die Schule als Zwischenlösung in ein privates Gebäude, das später der Familie Koppel gehörte, in der Hinterbachstraße (heute Alte Wehrstraße) umziehen. 1823 fand Beilstein endlich eine Dauerlösung. Die alte Pfarrkirche auf dem Marktplatz wurde umgebaut. Der östliche Teil wurde zur Lehrerwohnung, der westliche Teil zum Klassenzimmer umgebaut.



Alte Schule von innen

Das Foto zeigt den Zustand kurz nach dem 1. Weltkrieg. Die räumliche Nähe zwischen Schule, Hotel Lipmann und dem damals größten Weinkeller Beilsteins im Zehnthaus war jedoch recht schwierig. Das Säubern und Ausbessern der Weinfässer auf dem Marktplatz störte die Schulkinder im Unterricht. Diese revanchierten sich beim Hotelier Lipmann und seinen Gästen mit lautem Lachen, Johlen und Singen. Um 1930 schenkte Sigmund Lipmann der Gemeinde seinen Obstgarten am Ende der Bachstraße, um dort den Bau eines neuen Schulgebäudes zu ermöglichen. Die Gemeinde baute unter großen Mühen das Gebäude auf, welches dann von 1932 bis 1971 die letzte Beilsteiner Schule beherbergte.

Im vorherigen Schulgebäude - der alten Pfarrkirche - wurden die Zwischenwände für das Klassenzimmer und die Lehrerwohnung schließlich 1935 eingerissen und ein geräumiger "Bürgersaal" in der 1. Etage hergerichtet. Ein Jahr später, 1936 wurden hier einige Szenen des berühmten Heinz Rühmann Films "Wenn wir alle Engel wären" gedreht. Das folgende Foto stammt aus diesem Film


Gerichtssaal

(Foto aus dem Jahre 1936)


Die nächsten Termine meiner historischen Stadtführung



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