Beilstein in vergangener Zeit

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Untere Schloßstraße

 
Wir befinden uns auf der Schloßstraße, einem Gäßchen unterhalb des Schloßberges und schauen Richtung Marktplatz. Zur Linken die Fragmente eines gemauerten Rundbogens - wohl einmal Teil der östlichen Stadtmauer ( heute abgerissen und neu bebaut). Dahinter links liegend sehr altes Beilsteiner Haus. Nach Vermutung des derzeitigen Besitzers die ehemalige Kommandantur bzw. das Wachhaus der Wachmannschaften für Burg und Stadtbefestigung. Die These macht Sinn, weil hier die östliche Stadtmauer Burg und Städtchen miteinander verband und sich zwischen diesem Gebäude und dem dahinterliegenden Treppenturm des Zehnthauses das wichtige Süd-Stadttor befand. Zur Rechten ein Haus, von dem heute nur noch die Außenfassade steht. Die Schloßstraße war zu dieser Zeit noch nicht gepflastert. Sie war einfach in den Fels hineingehauen worden. Der blanke Fels diente als Straßenbelag. (Foto etwa 1890)


Untere Schloßstraße von Marktplatz aus

Gleiche Ansicht diesmal vom Marktplatz aus gesehen. Von besonderem Interesse: Die Stadtmauer dient der vermutlichen Kommandantur zum Teil als Giebelwand. Bauhistorisch macht das ein identisches Baujahr wahrscheinlich. Selbst die Treppenstufen zur Eingangstür sind nicht gelegt sondern in den gewachsenen Fels hinein geschlagen. (Foto etwa 1890)


Haus Höffgen

Das größte und stattlichste Haus Beilsteins: Der mutmaßliche Erbauer Conrad Weber, zunächst Kaufmann und Müller, konnte sich mit dem Bau dieses imposanten, barocken Bürgerhauses im Jahre 1714 durchaus von den übrigen Bewohnern Beilsteins abheben. Auch wenn die Franzosenheere 1689 den Wohnwert der Beilsteiner Burg für die Herrschaft derer von Metternich stark minderten (die Burg wurde geplündert und angezündet und ist seither eine Ruine), so wurden die feudalen Ausbeuterstrukturen für die Winzer und Bauern doch nicht aufgehoben. Die Metternichs zogen sich nach Koblenz zurück und überließen die Verwaltung ihrer Beilsteiner Herrschaft (mit zahlreichen Dörfern und Liegenschaften auf dem Hunsrück) sogenannten Kellerern (das waren eingesetzte Finanzverwalter). Conrad Weber wurde ein solcher Kellerer. Die Ausmaße seines neuen Hauses zeigen wie einträglich seine Aufgabe wohl gewesen sein muß. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts kam das Haus in die Hände des Geheimen Oberbaurates Carl Höffgen (1843-1915), einem Ingenieur, der im hiesigen Raum mit dem Brückenbau beschäftigt war. Er investierte nicht nur in das Innere des Hauses ...


Gartenanlage Höffgen

... sondern schuf sich nördlich der Alten Wehrstraße eine parkähnliche Gartenanlage, die an der Mosel ihresgleichen sucht. Auf diesem Foto von 1908 ist eine antikisierende Säulenreihe im Vordergrund zu erkennen, ferner ein schmiedeeisern umkrenzter Sitzplatz mit Überdachung und ein Springbrunnen, der aus einer Quelle im "Silberberg" permanent mit Wasser gespeist wurde. Der Geheime Oberbaurat erstellte sich auch einen Sommerpavillion mit barockem Glockendach, der zur Moselseite eine Freiterasse besaß. Auf der Rückseite des Pavillions wurde -zum allseitigen Erstaunen der Beilsteiner - eine Freiluftkegelbahn erbaut, die weit in den Weinberg hineinragte. Die ganze herrschaftliche Parkanlage war großzügig im Geschmack und Stil des Deutschen Historismus zum Ende des 19. Jahrhunderts angelegt. (Foto aus dem Jahr 1908)


Foto von Carl Höffgen

  Carl Höffgen 1843-1915

Nach dem Tod von Carl Höffgen im Jahre 1915 fiel das Erbe an die Familie seiner Frau (d.h. an Elisabeth Eckertz 1857-1942, hernach Johanna Eckertz 1888-1966). Für die Erben verlor der Park an Bedeutung. In den folgenden Jahrzehnten wurde der einst herrschaftlich angelegte Garten von der Natur buchstäblich "zurückerobert". Heute ist er ein vergessener und fast verwunschener Ort, zugewuchert und fast versteckt. Noch heute sprudelt aus dem alten Springbrunnen eine schwache Wassersäule, fast so als wären die letzten 100 Jahre nicht gewesen.

Hier finden Sie den Nachruf im "Zentralblatt der Bauverwaltung"  



Ehemaliger christlicher Friedhof

 
Der ehemalige christliche Friedhof an der Nordfassade der Klosterkirche auf dem Rammerberg. Im Vordergrund zu erkennen ein Friedhofskreuz aus dem Jahre 1686 (dem Baubeginn des Klosters), gestaltet in rotem Sandstein und in der Art der barocken Wegekreuze, wie man sie an der Mosel häufig fand. Das Kreuz wurde bei der Renovierung der Außenfassade Ende der 1980er Jahre abgebrochen. Es liegt seitdem in viele Einzelteile zerfallen, zu einem wirren Haufen und von Moos und Efeu überwuchert mitten auf dem alten Kirchhof, ohne daß sich wohl jemand zuständig fühlt, dieses einmalige kunsthistorische Kulturgut wieder aufzubauen. Der Friedhof wurde in den 1960er Jahren - nachdem er den Beilsteinern nahezu 300 Jahre als christliche Begräbnisstätte gedient hatte - aus Platzmangel an den Ortsrand verlegt. Zwei uralte Grabsteine aus den Jahren 1665 und 1819 wurden an den Rand desjenigen Weges versetzt, der vom alten Friedhof auf den Kirchvorplatz führt. Der jüdische Friedhof hingegen, für den jahrhunderte lang recht beträchtlichen jüdischen Anteil an der Beilsteiner Bürgerschaft lag seit altersher - dem jüdischen Ritus entsprechend - außerhalb der Stadt, östlich der Burg gelegen. (Foto vor 1951)

Eine genauere Ansicht des Sandsteinkreuzes hier.
Eine Detailansicht des Sandsteinkreuzes hier.
Eine Detailvergrößerung des Sandsteinkreuzes hier.


Jüdischer Friedhof

Detailvergrößerungen der Grabstelen hier.


Die Beilsteiner Juden legten ihn wohl im 17.Jahrhundert am Fuß der Burg an. Der älteste heute noch lesbare Grabstein ist der des Rafael / Sohn von Moshe, gestorben am 10.11.1818. Das letzte Begräbnis fand 1938 statt. Vergleicht man das Foto aus den 1920er Jahren mit dem heutigen Zustand, fällt dem aufmerksamen Betrachter auf: Die meisten Grabsteine stehen heute an anderer Stelle, einige sind überhaupt nicht wiederzufinden. Inschriften auf Grabsteinen, die oft in kostbarem Granit gehalten wurden, sind teilweise völlig verschwunden!!! 12 Jahre Deutscher Faschismus (1933-45) haben eben auch in Beilstein stattgefunden. Offensichtlich hat man dem jüdischen Friedhof übel mitgespielt. Zahlreiche Beilsteiner jüdischen Glaubens zogen vor dem 1. Weltkrieg in die benachbarten großen Städte. Die letzte in der Nazizeit verbliebene jüdische Familie, die Koppels zogen 1939 von Beilstein nach Köln. Von dort wurden sie im Sommer 1942 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Später wurden sie in einem KZ Nahe Minsk von den Nazis ermordet. Weder an das Ehepaar Koppel samt der Schwester von Karl Koppel Mathilde Koppel, noch an rund ein Dutzend weiterer - ehemals in Beilstein ansässiger - Juden, die von den Nazis ermordet wurden, erinnert heute in Beilstein irgendetwas. ( Foto um 1920 )


Hier finden Sie mehr Informationen über die ermordeten Beilsteiner Juden



Beilsteiner Synagoge

Was den wenigsten Beilstein-Besuchern bewußt ist, das Städtchen besitzt eine ehemalige Synagoge in der Weingasse 13, die im Kern wohl aus dem beginnenden 14. Jahrhundert stammt und auf etwa 600 Jahre jüdisches Leben in Beilstein verweist. Johann von Braunshorn - Herr zu Beilstein - erhielt 1309 vom deutschen Kaiser Heinrich VII das Recht 10 jüdische Familien in sein gerade gegründetes Städtchen Beilstein anzusiedeln. Diese 10 jüdischen Familien flüchteten aus dem Oberweseler Raum, wo sie ihres Lebens nicht mehr sicher waren. (1287 wurde dort der 16 jährige Weinbergsarbeiterjunge Werner ermordet. Den Mord dichtete man den örtlichen Juden als Ritualmord an und es kam in der Folgezeit zu schlimmen Verfolgungen und Pogromen durch haßerfüllte christliche Eiferer. Die Volksfrömmigkeit machte ihn zum Märtyrer und alsbald wurde er als "Heiliger Werner von Oberwesel / Bacharach" verehrt und somit eine antisemitische Legende gesponnen, die leider erst 1963 durch das Streichen des "Werner-Kultes" im Kalender der Diözese Trier ein offizielles Ende fand. Doch noch immer findet sich in vielen deutschen Heiligenverzeichnissen der "heilige Werner von Oberwesel".

Johann von Braunshorn war kein Menschenfreund. Sein Handeln war bestimmt von berechnender Habgier. Die Juden waren zu dieser Zeit quasi Eigentum des Kaisers. (Sie gehörten zur kaiserlichen Kammer = Kammerjuden). Diese Kammerknechtschaft war vom Kaiser übertragbar auf die Landesherren. Man erwarb somit das Privileg die zumeist gebildeten und fleißigen Juden mit allerlei Steuern und Abgaben auszuquetschen. Die Beilsteiner Juden waren am Ausbau der Stadtbefestigung beteiligt (ab 1310) und halfen der jeweiligen Beilsteiner Herrschaft immer mal wieder finanziell aus der Patsche, was ihnen aber nicht immer gedankt wurde. 1347 raffte eine Pestwelle große Teile der europäischen Bevölkerung hinweg. Gerade in Deutschland machte man die Juden hierfür verantwortlich. Viele von ihnen wurden vertrieben, ja erschlagen oder verbrannt. So ist man wohl auch mit den Beilsteiner Juden 1348/49 verfahren. Jedenfalls gibt es für die Zeit bis etwa 1390 keinen Beleg mehr über ihre Besiedlung in Beilstein. Ab dem 15. Jahrhundert gibt es wieder jüdisches Leben im Städtchen. 1780/81 werden acht Familien bezeugt. 1807 zählt Beilstein 47 Juden, knapp zehn Jahre später sind es bereits 73 und somit machen die Juden fast ein Drittel der Bevölkerung aus. (Den höchsten prozentualen Anteil in der Preußischen Rheinprovinz). In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ziehen viele Beilsteiner jüdischen Glaubens fort.

Ein zeitgenössisches und stark antisemitisch gehaltenes
Gedicht des damaligen Beilsteiner Pfarrers von Freihold zeigt auf, daß Beilsteiner jüdischen Glaubens auch nach fast 600 Jahren in Beilstein immer noch von vielen Zeitgenossen als "schlimmer Fremdkörper" und als zutiefst unerwünscht im Dorf betrachtet wurden. 1895 leben noch 39 Juden, 1925 nur noch 7 Juden hier im Ort. Es war somit kein Minjan mehr vorhanden. ( Mindestanzahl von zehn erwachsenen Männern als Beter um einen jüdischen Gemeindegottesdienst feiern zu können). 1925 wurde die Synagoge verkauft, später auch das rechts angrenzende Wohnhaus des Rabbiners. Der Käufer zog in Höhe der Frauenempore eine Zwischendecke ein (als Heuboden), unterhalb diente das Gebäude als Lager- und Kelterraum.. Im Gewölbekeller wurde Vieh gehalten. Diese recht unschöne Form der Profanierung schützte das Gebäude jedoch in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 vor einer Zerstörung durch die Nazis.


Längsschnitt


Der dreigeschossige Bruchsteinbau dürfte wohl zu den ältesten Gebäuden Beilsteins zählen. Eine moselseitige Verlängerung des Gebäudes stammt möglicherweise aus dem 18. Jahrhundert. Im Vorraum führen einige Stufen in das Kellergewölbe, indem sich das Becken einer Mikwe befunden haben soll. Eine andere Treppe führt in den zweigeschossigen Beetsaal. Von den beiden gußeisernen Säulen (nördliche heißt Boas, südliche Jachin. Beide Säulen verweisen auf den salomonischen Tempel in Jerusalem, hatten also sakrale und nicht nur statische Funktion), wurde eine entnommen und stützt seit den 1920er Jahren den Anbau der ehemaligen Jugendherberge auf dem Marktplatz.


Traudchen Koppel und andere Kinder

Das "innere Nordtor" habe ich bereits vorgestellt. Was diese Aufnahme von etwa 1928-30 so einzigartig macht, sind die abgebildeten Personen: Bei der fünften Person von links handelt es sich um die Tochter des jüdischen Ehepaares Koppel - Gertrude Koppel (geboren: 1.2.1916). Sie ist einige Jahre nach dieser Aufnahme zu Verwandten in die USA ausgewandert und hat nur aus diesem Grunde den Massenmord an den Juden überlebt, den der deutsche Faschismus ein Jahrzehnt später planmäßig und industriell durchführte. Ihre Eltern hingegen konnten sich nicht vorstellen, daß sie einmal ihren Lebensmittelladen auf dem Beilsteiner Marktplatz abgeben müßten.



Lebensmittelladen Koppel
Eine Aufnahme dieses Lädchens (linkes Haus im Hintergrund, unteres Fenster und Eingangstüre) fand ich im Rühmann- Film "Wenn wir alle Engel wären", der 1936 in Beilstein gedreht wurde.



Laden Koppel
Koppels Laden aus anderer Richtung gesehen. Der Text auf dem Ladenschild lautet: Kolonialwaren Wurst Rauchwaren Karl Koppel .


 
Karl Koppel , geb. 4.4.1871 und seine Frau Theresia Koppel, geb.4.1.1881 mußten Haus und Laden aufgeben. 1939 zogen sie mit der Schwester Mathilde Koppel, geb.9.9.1874 nach Köln, von wo aus sie drei Jahre später deportiert wurden. Zunächst in das Konzentrationslager Theresienstadt, wenig später wurden sie in einem deutschen Konzentrationslager in der Nähe von Minsk von den Nazis ermordet.
Zu den anderen Personen von links nach rechts: Johanna Burg, lebte bis vor einigen Jahren in Beilstein. Ernst Kochems, wohnte mit Eltern und acht Geschwistern im Haus "Klapperburg". Zwei Kinder der Familie Porten. Trudel Koppel. Josef Kochems (hat seinen Karren beladen mit Runkelrübenblättern, als Viehfutter für seine Kuh). (Foto etwa 1928-1930)



Beilsteiner Dächer

Blick vom Kloster hinab auf Beilsteiner Dächer. (Foto etwa 1900)


Dacheindeckung Bachstraße 50

Diese Dächer mußten auch einmal repariert werden. Dieses seltene Foto zeigt einen Dachdecker bei der Neubeschieferung des Daches "Haus kein Moselblick" in der Bachstraße 50. Vor 100 Jahren war Kinderarbeit auch bei solch gefährlichen Tätigkeiten nicht selten. Sicherheitsvorkehrungen und moderne Gerüste konnte sich kaum jemand leisten, dementsprechend gefährlich war der Beruf des Dachdeckers. (Foto etwa 1915)


Altes Spukhaus mit Bewohnern um 1910

Mein Ferien- und Seminarhaus "Altes Spukhaus" in der Bachstraße 51 stammt aus der sogenannten Gründerzeit (1871 bis 1880er Jahre). Dieses Familienfoto auf der Außentreppe entstand um 1910 - zeigt also die zweite oder dritte Generation im Hause. Kinderreichtum war vor 100 Jahren keine Seltenheit, sondern eher Ausdruck von Armut und dem Versuch die Familie mit möglichst vielen eigenen Arbeitskräften am Leben zu halten. Weiterhin entdecken wir auf der Treppe einige Hühner. Freilaufende Hühner sind auf historischen Beilstein-Fotos recht häufig zu sehen. Die ärmlichen sozialen Bedingungen der meisten Beilsteiner Familien zwang zu einem hohen Grad an Selbstversorgung: Viele Familien hielten eine Kuh im Hause. Ziegen, Kaninchen, Schweine waren nicht selten, Hühner fast die Regel. (Foto etwa 1910)


Katasterplan 1834

Katasterplan von 1834


Einer der spannensten "Entdeckungen" der Beilsteiner Stadtgeschichte ist der ehemalige Ritterturnierplatz, östlich unterhalb des Schloßberges gelegen. Zu seiner wahrscheinlichen Bauzeit im Spätmittelalter lag das Arenal mit seinen beträchtlichen Ausmaßen außerhalb der Stadtmauer. Das Turnier ist wohl im 11. Jahrhundert in Frankreich entstanden. Der französische Begriff tournoi wurde im Deutschen zu turnier. Ursprünglich bedeutete Turnier ein Reitergefecht zweier Gruppen in voller Rüstung und scharfen Waffen. Die Bezeichnung wird später auch für den Tjost, den ritterlichen Zweikampf übernommen. Im Spätmittelalter bilden sich strenge Regeln heraus, die über die Turnierfähigkeit der Teilnehmer entschieden. Der Turnierherold entschied über die Turnierfähigkeit. Sogenannte Grieswärtel sorgten mit hölzernen Lanzen auf den Turnierplätzen für Ordnung. Das Entstehen der Ritterturniere ist zum einen zu erklären mit dem Bedeutungsgewinn bewaffneter und gepanzerter Ritter zu Pferde. Diese neue Militärformation war eine direkte Antwort auf die militärischen Erfahrungen, die christiche Heere bei den Kreuzzügen machen mußten. Die Turniere als anfängliches Einüben von Fertigkeiten bekamen zunehmend einen sozialen Charakter, der in der sich neu herausbildenden Schicht der Ritter auch über Rang und Prestige bestimmte. Mit der Entwicklung von Entfernungswaffen (Kanonen und Handfeuerwaffen) wurden die unbeweglichen Ritter zu Pferde mit ihren nur im Nahkampf einsetzbaren Waffen militärisch unbedeutend. Auch die Turniere litten unter diesem Bedeutungsverlust. Sie verlagerten sich zunehmend in die Städte, wurden zu Schauveranstaltungen, an denen sich zunehmend reiche Bürger und Handelsherren beteiligten. Zahlreiche Begriffe und Sprichworte im Deutschen lassen sich auf das mittelalterliche Turnierwesen zurückführen. So z.B.: "Für jemanden eine Lanze brechen", "Jemanden in die Schranken verweisen", "Auf dem hohen Roß sitzen", "Etwas von der Pieke auf lernen". Die Quellenlage zur Geschichte des Beilsteiner Turnierplatzes gibt uns keine Auskunft zum Baujahr und der nachfolgenden Nutzung. So will ich ein paar Hypothesen aufstellen, die ich für recht wahrscheinlich halte: Das erste wichtige Herrschergeschlecht auf Beilstein - Die Herren von Braunshorn (urkundliche Erwähnung ab 1268) - gingen ab 1309 daran Burg und Stadt auszubauen. Dabei war Johann II von Braunshorn sein gutes Verhältnis zur Grafschaft Luxemburg ab 1299 von großem Nutzen. Im November 1308 wurde Heinrich Graf von Luxemburg zum Deutschen König Heinrich VII gewählt. Der Beilsteiner Johann II von Braunshorn wird 1309 und 1310 öfter als Hofmeister des Königs erwähnt, er muß also eine nahe Vertauensperson von König Heinrich VII gewesen sein. Der Dank des Königs manifestierte sich u.a. in der Verleihung der Beilsteiner Stadtrechte 1310, der Erlaubnis eine Stadtmauer zu errichten und zahlreichen anderen Privilegien. Hingegen nahmen Johann II und sein Sohn Gerlach als Gefolgsleute am Italienzug des Königs teil. Von 1310 -1313 hielt sich König Heinrich VII mit seinem Heer in Oberitalien auf, um dort seine Machtansprüche zu manifestieren. Schließlich wurde er am 29.6.1312 in Rom von abgesandten Kardinälen des in Avignon residierenden Papstes Clemens V zum Kaiser gekrönt.

Romfahrt Heinrich VII


Die teilweise monatelangen Belagerungen italienischer Städte ließ Heinrichs Gefolge "viel Zeit für Speerspiele, Tänze und Feste in Pisa" aber auch an anderen Orten. Diese Abbildung stammt aus einem Bilderzyklus, der die Romfahrt Heinrich VII beschreibt. Ein weiteres Bild aus diesem Zyklus bildet den Ritter Braunshorn bei der Einnahme der Stadt Brescia ab, erkennbar an seiner Fahne mit dem Braunshornwappen.(Ganz links: 3 Hörner auf rotem Grund)

Ritter Braunshorn


Johann II und sein Sohn Gerlach haben möglicherweise eine Vorliebe fürs ritterliche Turnier mitgebracht, als sie im Frühjahr 1313 von Italien nach Beilstein zurückkehrten. Den Bau des Beilsteiner Turnierplatzes zu dieser Zeit halte ich für sehr wahrscheinlich. Der abgebildete Katasterplan von 1834 verdeutlicht die Außmaße des Areals. (Längsseite: 127 Meter, Querseite: 40 Meter, also insgesamt mehr als 5000 Quadratmeter). Im Süden und Norden wird der Platz von Quermauern eingefaßt, die heute noch nahezu komplett erhalten sind. (Die südliche auf dem Gelände des neuen Friedhofs, die nördliche reicht vom Gärtchen des Schulgebäudes von 1932 bis zum Neubau Jobelius. Die Längsseite nach Osten war terassenförmig gestaltet. Auf zwei gemauerten Terassenebenen hatten Zuschauer genügend Platz. Eine solchermaßen stabile, weil gemauerte Zuschauertribüne bot sich wegen der Hanglage geradezu an. (Fragmente dieser Terassenebenen haben sich bis heute erhalten). Erfahrungen mit hölzernen Tribünen machte 1315 die Hochzeitsgesellschaft von Friedrich dem Schönen, dem Deutschen König und Nachfolger Heinrich VII, der seinen Italienzug - dumm gelaufen - wegen Malaria leider nicht lebend beenden konnte. Bei diesem besagten Turnier stürtzte die Zuschauertribüne ein, viele Damen wurden verletzt und im allgemeinen Tumult ihres Geschmeides beraubt. Die westliche Längsseite hatte wohl aufgrund der topographischen Gegebenheiten keine Terassentribüne. Das ganze Areal war in den darauffolgenden Jahrhunderten im Besitz der jeweiligen Herrschaft auf Beilstein (1362/63 bis 1636 von Winneburg-Beilstein; 1636 bis 1794 von Metternich). Wann das Gelände sein letztes Turnier gesehen hat, kann man nicht sagen. Mit der Versteigerung des fürstgräflichen Besitzes durch die Franzosen ab 1794 kam der Platz an einen Privateigentümer. Um 1880 gelangte das Areal in die Hände des recht wohlhabenden Geheimen Oberbaurates Höffgen, der hier eine Obstwiese anlegte. Alljährlich veranstaltete das Ehepaar Höffgen hier für alle Beilsteiner Kinder ein großes Kinderfest. Die Erben von Carl Höffgen gaben ab 1915 dem Obstgarten seinen umgangssprachlichen Namen: "Eckertz-Bungert". Johanna Eckertz schenkte in den 1960er Jahren der Gemeinde Beilstein ihr Grundstück für einen neuen Friedhof. Die neue Umgehungsstraße teilte 1975 "Eckertz-Bungert" in zwei Teile. Der süd-östliche Teil wurde zum Friedhof, der nord-westliche Teil mit zwei Häusern bebaut. Mit dieser baulichen Veränderung verlor die sehr auffällige Umfassung des Areals ihren jahrhunderte alten Charakter. Nur dem sehr aufmerksamen Betrachter erschließt sich nunmehr (vielleicht ein wenig durch meine Hilfe) die ursprüngliche Bedeutung.




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